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José Pablo Feinmann oder wo treffen sich Philosophie und Revolution?

Maria José Punte

aus dem Spansich übersetzt von Günther Mahr

erschienen in: Polylog, Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren, Nr. 9, Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, Wien, 2003, pp. 21-37

1. Das Abenteuer Philosophie

1.1. Eine argentinische Leidenschaft

Das Wort "Leidenschaft" muss eine jener Vokabeln sein, die in den zahlreichen und vielförmigen Texten des José Pablo Feinmann am häufigsten vorkommen. Es tritt dem Leser immer wieder unerwartet entgegen und durchzieht das ganze ausgedehnte Œuvre dieses 1943 in Buenos Aires geborenen Schriftstellers, der, nachdem er Philosophie studiert hatte, in den Siebzigerjahren an der Universität von Buenos Aires lehrte. Auf eklektische, jedoch auch konsequente und solide Weise finden seine Ideen vor allem im Essay und im fiktionalen Roman ihren Ausdruck. Beide Gattungen stehen bei ihm in einem dauerhaften und fruchtbaren Dialog. Was kein Zufall ist, sondern mit der Auffassung Feinmanns von der Geschichte zu tun hat: "Unsere Geschichte trägt eine Maske, sie entsteht als Fiktion". [1]

Feinmanns Leidenschaft geht jedoch weiter, sie erstreckt sich neben der Geschichte und der Philosophie auch auf das Kino. Sein Gesamtwerk besteht aus Essays, Romanen, Kinoführern, Arbeiten fürs Theater und Beiträgen in Zeitungen. Einige seiner Romane wurden verfilmt, was ihn wohl einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Aber auch seine Arbeit als Essayist weist ihn als interessanten und fundierten Denker aus. Mehrere Titel verraten die Bedeutung, welche die Auseinandersetzung mit dem Peronismus für seine Entwicklung gehabt hat. [2]   Ein Film über das Leben von Evita Perón und ein Theaterstück, dessen Hauptfigur Ernesto Che Guevara ist, runden dieses Werk ab.

Das Romanœuvre umfasst sieben Bände, die sich in der Wahl der ästhetischen Mittel etwas unterschieden. Der Erstling, Die letzten Tage des Opfers (1979) [3] gehört zum Genre des schwarzen Kriminalromans, ebenso wie Auch nicht der der letzte Schuss (1982) [4] und Die unmögliche Leiche (1992) [5] . In dieselbe Rubrik könnte man auch Die Verbrechen Van Goghs (1994) [6] einordnen, obwohl sich dieser Roman durch seine parodistischen Züge, die auf eine Kritik am politischen Leben Argentiniens in den Neunzigerjahren abzielen, ein wenig vom Kriminalroman entfernt. Ein Unterschied ergibt sich auch durch die bis ins Karnevaleske gehende Schreibweise. Ganz anders der Ton, in dem Das Heer aus Asche (1986) [7] oder Das Mandat (2000) [8] gehalten sind. Beide greifen in nüchterner Form Themen aus der Geschichte Argentiniens auf und sind von einem eher tragischen als komischen Pathos durchzogen. Feinmanns komplexester und interessantester Roman ist jedoch Die List der Vernunft(1990) [9] . Deshalb, weil in ihm, wie wir noch im Detail analysieren werden, verschiedene Arten von Diskurs aufeinandertreffen, worin auf eine Weise die Dynamik im Denken Feinmanns zum Ausdruck kommt. Man kann diesen Roman von den Kategorien des Nomadismus und der Hybridität aus, so wie sie die postkoloniale Kritik benutzt, untersuchen. [10] Beide Kategorien heben die Beziehungen hervor, die zwischen den Diskursen aus verschiedenen Bereichen wie der Geschichte und der Fiktion bestehen. Aus der Überschneidung dieser Diskurse ergibt sich der nomadische Charakter der Texte. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass alle Diskurse gleichberechtigt sind. [11] Was die Hybridität als kulturelles Prinzip betrifft, so wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass jede Aussage von einem besonderen Ort aus erfolgt. Mit dieser Sichtweise stellt man sich an den "Rand" und analysiert von dort aus die Beziehung der Diskurse zum System der hegemonialen Ideen, zum "Zentrum" also.     

Der Kern von Feinmanns Denken offenbart sich in zwei Büchern, die ebenso anspruchsvoll sind wie sie als gelungen bezeichnet werden können: Philosophie und Nation (1982) und Das vergossene Blut (1998). Über das erste dieser Bücher sagt der Autor: "vielleicht habe ich mein ganzes Leben gebraucht, um es zu schreiben, weil es das exakte Ergebnis meiner Bildung, meiner Studien und meiner Überzeugungen ist." [12]   Es handelt sich um sieben Aufsätze, die zwischen 1970 und dem Erscheinungsdatum entstanden sind. In den 70er Jahren konnten sie aus politischen Gründen, wegen der Militärdiktatur von 1976-1983, nicht erscheinen. Wie der Autor festhält, waren dies Jahre, in denen das Denken unter Verdacht stand. Eine der Prämissen, unter der alle seine Texte stehen, ist daher das Erinnern an die subversive Macht der Philosophie.

Feinmann entwickelt in diesen Studien sein Konzept eines hermeneutischen Werts der Geschichte. Für ihn ist Geschichte Interpretation der Vergangenheit, sie dient dem, der sie interpretiert, dazu, um die Gegenwart zu verstehen. Sie  ist nötig, um den Handlungen in der Zukunft den Weg zu weisen. Wie Feinmann feststellt, gibt es "so viele Interpretationen unserer historischen Vergangenheit wie es gültige politische Projekte in unserer Gegenwart gibt" [13]   Jede historiografische Richtung bedeutet die Wahl eines Orts, von dem aus man blickt. Aus dieser Position heraus wird die Gegenwart verstanden. Der Autor ist überzeugt, dass die Gegenwart bei jeder Interpretation mit im Spiel ist. Die Wahrheit des Bilds, das man von der Vergangenheit hat, liegt in der Gegenwart.

1.2. Das XIX. Jahrhundert: ein cocktail aus Aufklärung und Terror

Feinmann unternimmt in Philosophie und Nation verschiedene Ausflüge in die argentinische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Dabei geht er von Persönlichkeiten aus, die nicht nur politische Akteure waren, sondern auch maßgeblichen Einfluss auf das Denken ihrer Zeit hatten. Es zeigt sich, dass sich Philosophie und Politik nicht trennen lassen. Ganz im Gegenteil, die Philosophie ist sogar der Motor der Handlungen, die zum schließlichen Bild einer Nation führen:

Dass die im Geistesleben Argentiniens wichtigen Männer auch Männer der Aktion waren (Politiker, Staatsmänner, Militärs), zwingt denjenigen, der sich mit ihnen beschäftigt, dazu, eine Beziehung herzustellen, die, obwohl sie auch sonst immer besteht, sich hier als gänzlich unverzichtbar erweist: die Beziehung zwischen Denken und Geschichte. Die Männer, die bei uns die maßgebenden Ideen hatten, wollten eine Nation formen und ordneten diesem Ziel alle ihre theoretischen und praktischen Interessen unter. [14]   

Feinmann kritisiert das oft versteckte Verhältnis, das die Philosophie mit der Ideologie unterhält. Sein heftigster Angriff richtet sich gegen die Anziehungskraft, die die europäischen philosophischen Ideen  im Zuge der Entwicklung des argentinischen Denkens ausübten. Damit ist der  Eurozentrismus angesprochen, der die Basis für das Entstehen der argentinischen Nation bildete. Er brachte Argentinien zwar den einen oder anderen Vorteil, vor allem aber viele Nachteile ein. Diese scharfe Kritik Feinmanns am Denken im Sinne der ehemaligen Kolonialherren war in den intellektuellen Diskussionen zu Beginn der 70er Jahre durchaus üblich. Dennoch sind diese Texte auch heute noch nicht veraltet. Sie behalten bittere Aktualität, wie sich auch im Essay Das vergossene Blut zeigt, der sechzehn Jahre nach Philosophie und Nation veröffentlicht wurde. Feinmanns Argumente bleiben deswegen aktuell, weil viele der Abhängigkeiten auf ideellem Gebiet nach wie vor bestehen. Aber auch deswegen, weil der Dialog zwischen den Kulturen weitergeht und weitergehen muss. Der Gegensatz zwischen Amerika und Europa besteht nach wie vor und es muss darüber diskutiert werden, welche Bedeutung jeder dieser beiden kulturellen Welten zukommt.

Der Autor beschäftigt sich mit allen Strömungen des argentinischen Denkens. Sein umfassender Blick lässt sich auf eine Diskussion mit all den verschiedenen historiografischen Richtungen vom liberalen bis zum marxistischen Spektrum ein, die kanonisierte Versionen der argentinischen Geschichte hervorgebracht haben. Feinmann selbst zieht es vor, einen "frechen" (auch eine Vokabel, die er gerne verwendet) Blick auf die hervorragenden Gestalten des argentinischen Denkens (Moreno, Alberdi, Sarmiento) zu werfen. Die Voraussetzung, die ihn zu dieser Frechheit ermutigt, ist die Erkenntnis: "Wir wissen, dass die Geschichte der Philosophie kein unschuldiges Abenteuer, sondern Ausdruck des Bedürfnisses der nationalen Gruppen ist, die Welt in Hinblick auf ihre historischen Projekte zu denken." [15]   In der Folge zeigt Feinmann, dass sich hinter der amerikanischen Unabhängigkeitsrevolution eine Art zu denken verbirgt, die  europäischen Ursprungs ist, und die ihre Quellen nicht nur bei Rousseau, Jovellanos, Quesnay und Say, sondern auch bei Adam Smith, Hegel und Marx hat. Feinmann enthüllt die enormen Fehler, die in der geistigen Geschichte des Landes gemacht wurden. Die Nation wurde auf der Grundlage des europäischen Denkens entworfen, deshalb endete sie letztlich als periphere und subalterne Version dieses Denkens. Die Folgen reichen also über das rein Philosophische weit hinaus und ins Politische hinein. Das historische Projekt, das aus dieser Art von Denken entstand, musste eine Nation hervorbringen, die von einer ökonomischen Weltordnung abhängig war, die von der Idee des Freihandels geprägt wurde, der im 19. Jahrhundert als das Universalmittel für wirtschaftliche Entwicklung galt. Für Argentinien bedeutete das die Vorherrschaft von Buenos Aires, der Hauptstadt und wesentlichsten Hafenstadt, über die Provinzen. Diese Dominanz wurde durch diejenigen gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert, die vom System profitierten (die landwirtschaftlichen Latifundisten der Pampa húmeda, die Handelstreibenden in Buenos Aires und an der Küste, die Briten, die ihre kommerziellen Interessen in den spanischen Exkolonien verfolgten. Feinmann betont den ideologischen Kampf zwischen den zwei vorherrschenden gesellschaftlichen Gruppen. Die Philosophie war in dieser Debatte immer dann dienlich, wenn es nötig war, mit einer bestimmten Logik etwas zu rechtfertigen, was man als politisches Projekt vorhatte. Es ging also um Herrschaftslogik. Das Bild von Buenos Aires, das dabei immer wiederkehrt, ist das einer hochmütigen Stadt, deren Vorhaben durch eine aufgeklärte Gruppe bestimmt werden, die jedoch nie daran denkt, den Rest des Landes ernst zu nehmen und mit ihm zu verhandeln.  Das Drama dieses Verhältnisses durchzieht das ganze 19. Jahrhundert. Es wird in der von Sarmiento zum Paradigma erhobenen Formel auf den Punkt gebracht:  Zivilisation oder Barbarei. Die ideologische Line, die die genannten Protagonisten vertreten und die Feinmann interessiert, ist die eines intellektuellen und politischen Avantgardismus, der sich an Europa und seinen Ideen orientiert. Diese Haltung zeichnete sich vor allem durch ihr Misstrauen gegenüber den Massen und der Möglichkeit aus, die Mehrheit der Bevölkerung in die politischen Entscheidungen mit einzubeziehen. Diese elitistische Position ging Hand in Hand mit einem unbedingten Vertrauen in die Vernunft, die als Sinngeberin der Geschichte angesehen wurde. Der Autor macht auf einen der Irrtümer dieser Avantgarde aufmerksam: sie war nicht imstande, den Bewusstseinsstand, den die Völker erreicht hatten, ausreichend zu berücksichtigen. An Mariano Morena zeigt sich deutlich dieser Konflikt. Er glaubte, dass die Geschichte nur in dem Maße revolutionär war als es eine Teleologie der Vernunft in ihr gab. Diese Position ließ, absolut genommen, all dasjenige Reale in der Geschichte nicht zu, das nicht mit ihren Postulaten übereinstimmte. Das Ergebnis konnte nur eine Politik der Repression und Exklusion sein.  

Die Überlegungen Feinmanns beschäftigen sich dann mit einer für das Denken des Landes zentralen Figur, Juan Bautista Alberdi. Er ist der erste, dem die Notwendigkeit, ein nationales Denken zu entwickeln, auffällt. Für ihn bedeutet Nationalität, ein Bewusstsein von sich selbst zu erlangen. Alberdi, der von der Romantik beeinflusst war, glaubte, dass über die Welt der vernünfigen Ideen und Gesetze hinaus auch noch das Individuelle, das dem Besonderen Entsprechende, existierte. Die Vernunft war für ihn etwas der Geschichte Immanentes. Für Feinmann spiegelt die Entwicklung der Ideen Alberdis in gewisser Weise die des europäischen Denken im 19. Jahrhundert wider. Es lässt sich an ihm ein Übergang von einem objektiven Idealismus hegelianischen Zuschnitts zu einem historischen Materialismus marxistischer Art  feststellen, oder, wie Feinmann sagt, ein Übergang von der Idee zur Ökonomie. Für Feinmann drückt der romantische Historizismus, dem Alberdi zunächst anhängt, im Grunde das Bedürfnis des im 18. Jahrhundert entstandenen industriellen Bürgertums nach einer Organisation auf globaler Ebene und nach Expansion aus. Deshalb bleibt das Denken Alberdis innerhalb der Grenzen dessen, was Feinmann den "Geist des Jahrhunderts" nennt, gefangen. Es "stellt den philosophischen Ausdruck der politischen Einheit dar, welche die imperialistischen Nationen dem Gang der Geschichte aufzwingen." [16] Diese imperialistische Logik findet sich im abhängigen Denken wieder, das nichts anderes ist als "das System der Ideen, das die großen hegemonialen Mächte eingesetzt haben, um ihre expansionistischen Projekte auszudrücken, zu rechtfertigen und zu fördern." [17]   Diese Logik findet ihren Höhepunkt in der Philosophie Hegels. Das Denken Hegels stellt für Feinmann den Ausdruck nur einer Kultur, der Kultur Europas, und nur einer Klasse, der des Bürgertums, dar, das sich selbst über dieses Denken zu einer universalen Klasse konstruiert.

1.3. Das 20. Jahrhundert und das Ende der guten Manieren

Alle diese Interpretationen des 19. Jahrhunderts gelten auch für das 20. Jahrhundert. In Das vergossene Blut wird die Reflexion weiter bis in die Gegenwart geführt. Gegenwärtig diskutiert man in verschiedenen Bereichen über die Auswirkungen der sogenannten Globalisierung. Der luzide Essay Feinmanns lässt die Gelegenheit nicht aus, das Panorama eines Argentiniens, das einer bestimmten Ideologie folgte, mit den Wirkungen zu verknüpfen, die eben diese Ideologie heute dem ganzen Planeten aufzwingt. Das vergossene Blut ist eine Gnoseologie der Gewalt, die der Autor als den zentralen Topos betrachtet, um den herum sich die Fakten der argentinischen Geschichte anordnen lassen. Die Gewalt hat auf verschiedenen Ebenen das früher und später der Geschicke des Landes bestimmt. Noch nicht lange zurück liegt die Gewalt der letzten Militärdiktatur. Durch sie wurden die Grenzen dessen aufgezeigt, was aus einer Gesellschaft werden kann und wozu sie fähig ist. [18]  Der Versuch, diese Gewalt zu verstehen, verweist einmal mehr zurück ins 19. Jahrhundert mit seiner ununterbrochenen Kette von Fememorden. Heutzutage geht es vor allem darum, ein ganz neues Erscheinungsbild der Gewalt zu verstehen, das des sozialen Ausschlusses. Dieses Phänomen ist weltweit feststellbar. Es ist eine Folge der Expansionsbewegung, die man als Moderne zu bezeichnen gewohnt ist.

Das zentrale Thema des Essays ist die politische Gewalt in Argentinien, worauf der Titel Das vergossene Blut hindeutet, der an eine Phrase aus den 70er Jahren anknüpft. Damals bezog man sich damit auf die radikalen Intoleranz, die man dem politischen Gegner entgegenbringen musste, den man mehr als alles andere  als seinen Feind erlebte. Der komplette Satz lautet: "über vergossenes Blut wird nicht verhandelt". Gemeint ist, dass es gegenüber einer gewaltsamen Reaktion nur die Möglichkeit der Rache und damit eine noch gewalttätigere Antwort gibt. Feinmann sieht in einer solchen Spirale der Gewalt die Antithese der Politik. So wird Politik als Krieg verstanden, mit dem Ergebnis, dass eine Ideologie Platz greift, die für die Auslöschung des anderen eintritt. Feinmanns Analyse geht von der nationalen Geschichte aus, wird danach aber allgemeiner:

Wie wir sehen, ist eine der Linien, entlang derer sich unsere Geschichte entwickelt hat, die des vergossenen Bluts. Also die Schiene der Gewalt. In den gewalttätigen Abschnitten unserer Geschichte finden wir im Kern ein totales Unverständnis. Wenn wir diesen Ausdruck näher definieren, könnten wir sagen: das totale Unverständnis ist die vollständige Ablehnung der Beweggründe des Anderen. [19]          

Die so charakterisierte Haltung, die sehr gut die Geschichte Argentiniens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt, war für das ganze 20. Jahrhundert charakteristisch. Ihren extremsten Ausdruck fand sie in den zwei Weltkriegen. Sie führte zu einem der schrecklichsten Holocausts der Menschheitsgeschichte. Deshalb trifft diese Thematik letztlich auch auf Europa zu, denn, wie der Autor bemerkt, der gedankliche Zusammenhang, aus dem heraus es zu diesen Geschehnissen kam, ist noch nicht überwunden. Aus demselben ideologischen Umfeld kommt heute das Schlagwort vom "Tod der Ideologien". Ihm geentsprechend wird der Kapitalismus wegen seines liberalen demokratischen Systems als dem Nazifaschismus entgegengesetzt und hinsichtlich seiner ökonomischen Ordnung als Überwindung des Marxismus angesehen. Eben dieser  Diskurs, der auch den Freihandel propagiert, stellt sich selbst als Feind jeder Ideologie dar, die mit den totalitären Systemen identifiziert wird. Man sieht sich selbst als den einzig wahren Hüter der Demokratie. Feinmann zeigt jedoch, dass die Gegenüberstellung Kapitalismus/Nazifaschismus falsch ist, weil letzterer eine nicht demokratische Form des Kapitalismus war. Womit er darauf hinweist, dass der Kapitalismus auch autoritäre Tendenzen in sich trägt und nicht einfach synonym ist mit der Demokratie, wie eine gewisse Ideologie gern glauben machen möchte. Er ist dies insbesondere dann nicht, wenn er ein System der Ausschließung erzeugt, das, um seinen Fortbestand zu sichern, zum Mittel der Repression der Ausgeschlossenen greifen muss. Dieses Phänomen greift jedoch immer mehr, sogar an vielen Stellen der Ersten Welt, um sich.  Dem Autor geht es um die Dekonstruktion dieses Diskurses, der sich mit derselben Schnelligkeit zu verbreiten scheint, die ihm heute der Entwicklungsstand der Kommunikationsmedien erlaubt, wobei ihm auch noch ein anderes Phänomen, das nämlich der Banalisierung der Kultur, zu Hilfe kommt.    

Die Alternative, die Feinmann vorschlägt, ist natürlich philosophischer Natur.  Zumindest ist die Philosophie das Terrain, von dem aus er glaubt, dass man eine Transformation der Gesellschaft erreichen kann, und der Ort, von dem aus er selbst spricht. Die gemeinte Philosophie muss notwendigerweise kritisch sein und diese Kritik ist für Feinmann eine besondere Form der Erkenntnis. Dies war sie auch für Kant, für den die Kritik der reinen Vernunft aus dem Bestreben heraus entstand, die Ursprünge, Reichweite und die Grenzen der Vernunft zu erkennen. Eine solche kritische Philosophie dient jedoch auch der Demaskierung, wie Marx in seiner Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie unter Beweis stellte. Um die Ebene der Kritikfähigkeit zu erreichen, ist das Mittel der Distanzierung nötig, ein Aspekt, der Feinmann an der gegenwärtigen Medienkultur fehlt. Einer der von ihm besonders geschätzten Stellen bei Marx lautet: "…ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft (…) Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation." [20]   

Nach Meinung des Autors ist in der gegenwärtigen Situation kein Bewusstsein der Unterdrückung vorhanden, weil es keine Kritik gibt. Und keine Kritik gibt es deswegen, weil die Distanzierung fehlt, die Fähigkeit dazu wird von der trügerischen Pluralität der Kommunikationsmedien erstickt. Die bestehende Ordnung, die immer ungerechter wird, ist gewalttätig, sie ist eine Form der Gewalt. Feinmann sagt dies von einem Standpunkt aus, der die Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt ablehnt. Dies ist neu verglichen mit den 70er Jahren. Nach den Gewalterfahrungen der letzten Jahrzehnte ist es nicht mehr möglich mit Fanon und Sartre zu argumentieren, dass die Gewalt des Unterdrückten befreiend sei. Der Autor meint, dass das politischen Verbrechen im Grund immer ein Indiz für Intoleranz und die Verachtung des menschlichen Lebens darstellt. Daher kann es unter keinen Umständen die Basis sein, auf der ein Regierungssystem aufbaut. Das Problem des sozialen Ausschlusses als einer Form der Unterdrückung muss auf andere Weise gelöst werden. Das bedeutet nicht, dass man eine konformistische Haltung einnimmt, sondern heißt, dass man die Waffe der Kritik nutzen soll. Noch einmal kommt diese Frage im Theaterstück Fragen an Ernesto Che Guevara (1999) zur Sprache. Dieser Text zeigt Che Guevara kurz vor seiner Ermordung in La Higuera in einem fiktiven Dialog mit einem Historiker, der von seiner Gegenwart aus, dem Jahr 2000, spricht. Der Ausgang des Dialogs bleibt so wie der Essay Das vergossene Blut unklar. Es gibt keine definitive Lösung für das Problem der sozialen Konflikte, denn das würde letztlich heißen, eine Antwort auf das Böse zu finden. Als klar erweist sich jedoch, dass die Gewalt als Mittel abzulehnen ist. Der Autor kommt zum Schluss, dass es "das Streben nach Herrschaft ist, das den Krieg, die Gewalt, das vergossene Blut möglich macht." [21] Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis kann nur die Zielsetzung sein, die Kette der Gewalt zu durchbrechen, denn, wenn sich einmal die Logik des Kriegs durchsetzt, ist es nicht mehr möglich, sich aus dem binären Denkschema der Gegensätze zu befreien. Denn diese Logik besagt, dass, damit der eine gewinnen kann, der andere verlieren muss, und es spielt keine Rolle mehr, dass auch dieser andere ein menschliches Wesen ist, das Respekt verdient.

2. Erzählungen über die Unter- oder eine andere Entwicklung

"Entstehen in Argentinien die kreativsten Ansätze der Philosophie in der Form der Erzählung? Riskieren wir eine Antwort: ja". [22]   Diese so kategorische Äußerung steht ganz beiläufig, versteckt als Fußnote (Nummer 13) in einem Artikel, der in Unbekannte und Berühmte (1994) erschien. Der Artikel heißt "Der Roman als Krise der Totalität und als Sinnkrise". In ihm werden zwei einander entgegengesetzte Haltungen in Hinsicht auf das Genre zur Diskussion gestellt, wobei der Autor versucht, einen Weg zu finden, um diesen Gegensatz, der als inadäquat erkannt wird, zu überwinden. Dabei bietet sich ihm die Gelegenheit, seine eigene Konzeption des Romans darzulegen. Feinmann weist diejenige Haltung zurück, die den Tod des Romans als einer Erzählung erklärt, die imstande wäre, eine Sinntotalität auszudrücken. Seine Ablehnung gilt jedoch ebenso auch der "modernen" Auffassung, die den Roman als reine Erzählform ansieht. Allerdings stimmt Feinmann mit der Meinung überein, dasss der heutige Roman Ausdruck der Auflösung der bürgerlichen Kultur ist. Die Krise der Moderne, stellt er fest, offenbart sich im Verlust vieler Gewissheiten. Diese Tatsache kann sich im Diskurs auf verschiedene Art ausdrücken, etwa als Dezentralisierung des Subjekts, als Fragmentierung der Wirklichkeit oder als Divergenz verschiedener Zeitebenen. Die Zentralität des Subjekts, die zeitliche und räumliche Einheit prägten die Struktur des Romans im 19. Jahrhundert, als dieser das Ausdrucksmittel der sogenannten bürgerlichen Welt war. Der Bruch mit diesen Kategorien bedeutet für Feinmann jedoch ein erneuerndes Element in der Literatur und keineswegs ein Zeichen ihres Endes. Die Facetten der Krise, die auf anderen Gebieten destabilisierend wirken, sind, was den Roman betrifft, Teil des Experimentellen. Sie sind ein Zeichen seiner großen Vitalität, was ihn zu "einem legitimen Ausdruck der conditio humana, ihrer Krisen und Gewissheiten", macht. [23]  

Eine ähnliche Überlegung findet sich in einem Artikel, der in Der Mythos des ewigen Scheiterns (1985) erschienen ist und der den Titel Beseitigen wir die Marquise trägt. [24] Im Gegensatz zu denjenigen, die aus Angst vor dem Phänomen des Bestsellertums alles das ablehnen, was der Roman an Erzählerischem an sich hat, verteidigt Feinmann das Romanhafte. Dies schließt das Nebensächliche der Erzählung mit ein: den Zufall, das Abenteuer, das Risiko. Das Nebensächliche gehört für ihn zum Wesentlichen des Romanhaften. "In einer Weise (auf eine wesentliche Weise) kann man das Nebensächliche als das Außergewöhnliche charakterisieren. Wenn es einerseits eine Thematik gibt, die sich im Zentrum der Wirklichkeit offensichtlich und transparent ereignet, so gibt es andererseits auch eine solche, die sich in den Außenbezirken, an der Peripherie zuträgt." [25] Das erklärt Feinmanns Wahl der ästhetischen Mittel, wenn es darum geht, etwas Fiktionales zu schreiben, denn, wie er sagt: "Ein Roman ist eine Struktur, die h durch die narrative und die sprachliche Ebene entsteht und beide bedingen sich gegenseitig. Ihre Beziehung zueinander ist wichtiger als ihre jeweilige Ausformung. Die Erzählung verlangt ihre Sprache. Und die Sprache wächst, entwickelt sich als Ausdrucksform der Erzählung." [26]

Die beiden hier besprochenen Beispiele, die sich mit Ästhetik beschäftigen, stellen im Werk Feinmanns isolierte Ausnahmen dar. Im Allgemeinen gelten seine theoretischen Überlegungen eher der Geschichte und der Philosophie als der Fiktion. Andererseits stellen sich gerade in ihrem Bereich viele theoretische Fragen. Für Feinmann gilt: "die Philosophie ist vor allem ein Abenteuer und eine Leidenschaft." [27] Von daher ist es nicht verwunderlich, dass der Roman bei ihm zu einem fruchtbaren Boden für die philosophische Reflexion wird. Ein Beweis dafür ist Die List der Vernunft [28] . Dieses Werk unterscheidet sich grundlegend von Feinmanns anderen Romanen. Es zeichnet sich durch eine verwickelte und genau durchkomponierte Struktur aus. Feinmann selbst gibt zu, dass es sich dabei für ihn um ein sehr ambitioniertes Projekt gehandelt hat. [29] Die Meinung, die der Autor selbst über sein Werk äußert, bezieht sich inhaltlich auf eben das, was eben bei der Besprechung der zwei Artikel diskutiert wurde. Es geht einerseits um die Frage der Dezentralisierung des Subjekts, andererseits um die Verflechtung von Sprache und Erzählstruktur:

Die List… ist im Grunde in einem sehr bestimmten erzählerischen Stil gehalten, der sich aus einer Schreibweise ergibt, die ständig das Subjekt der Rede in den Vordergrund stellt. Diese Tatsache ist von der Kritik, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht ausreichend bemerkt worden. Dieser Stil hat mit der Gesamtkonzeption des Werks zu tun. Die List… ist ein Roman des Subjekts, ein Roman über das Bewusstsein, die Krise und die Erschütterung des Selbstbewusstseins eines Individuums und diese Krise wird als Krise der Kultur unserer Zeit interpretiert. [30]

Die Deutungsmuster, nach denen das Werk interpretiert werden kann, gehen natürlich über diese kurze Beschreibung weit hinaus. In zusammengefasster Form erscheinen in ihm viele der Interessen, Obsessionen, ja Leidenschaften des José Pablo Feinmann. Aber, sehen wir uns den Roman doch näher an!

3. Die List der Vernunft

3.1. Good Fellas

Die Erzählung besteht aus dem elf Kapitel langen neurotischen Diskurs eines Philosophen, Pablo Epstein. Dieser Diskurs ist durch zwei Erzählstränge strukturiert, von denen der eine die geraden und der andere die ungeraden Kapitel umfasst. Die Jetztzeit der ungeraden Kapitel ist der Beginn der 80er Jahre. Erzählinhalt in ihnen ist die psychoanalytische Therapie des Protagonisten. Dieser leidet an etwas, das er selbst als "Zerrüttung des Bewusstseins" klassifiziert. Weniger philosophisch gesagt, handelt es sich um eine "geistige Erkrankung". Das Ziel der Behandlung ist es, dem Klienten die Herstellung eines Sinnzusammenhangs zu ermöglichen, damit er diese Zerrüttung überwinden kann, die Methodologie, um dies zu erreichen, ist der Aufbau einer Erzählung. Der Gesprächspartner des Klienten ist der Psychoanalytiker Norman Backhauss, der dessen Rede nur mit wenigen Zwischenbemerkungen unterbricht. Diese dienen dazu, dem Diskurs die Richtung zu weisen und die Themen vorzugeben. Dabei wird der Diskurs der Psychoanalyse zum Teil parodiert. Die Schlußfolgerungen jedoch, die sich aus diesem Teil ziehen lassen, führen zu einer der möglichen Interpretationslinien des Werks. Man darf nicht vergessen, dass die Psychoanalyse eine ganz wesentliche argentinische Leidenschaft darstellt, dass sie zum Komplex von Glaubenshaltungen gehört, die die argentinische Kultur ausmachen.

Der zweite Strang der Erzählung wird in den geraden Kapiteln entwickelt. Durch diese Abwechslung wird ein bestimmter Rhythmus erzeugt. Er spielt in der Vergangenheit, in einer Nacht im November 1965. Im Lauf dieser Nacht versucht eine Gruppe junger Studenten den Endzweck der Philosophie zu definieren, indem sie sich bemüht, einen Satz zu finden, der diesen zusammenfasst. Die Jugendlichen sind Pablo und seine drei Freunde Ismael Navarro, Pedro Bernstein und Hugo Hernández. Jeder von ihnen vertritt eine verschiedene, wenn auch nicht unbedingt den anderen entgegengesetzte Position. Es gibt etwas, was sie alle eint: die marxistisch inspirierte Atmosphäre der Zeit. Die Haltung zur Frage des Endzwecks der Philosophie stellt den Ort der Aussage jeder Person dar und ist außerdem mit der Wahl eines bestimmten Lebenswegs verknüpft. In diesem Bereich des Romans gibt es auch noch zwei weitere Diskursebenen, diejenige der Geschichte und diejenige der Philosophie. Das Zusammentreffen beider entspricht der Konzeption, dass der Gang der Geschichte nicht unabhängig von der Welt der Ideen ist, sondern dass diese deren Verlauf zum Teil bestimmen. Es geht um dasselbe, was Feinmann, wie wir gesehen haben, in den Essays von Philosophie und Nation entwickelt. Im Roman wird die Notwendigkeit betont, die ideologischen Mechanismen aufzudecken, die die Philosophie in die Geschichte einbringt und die dort verursachend wirken. Die Person, die diese Haltung am deutlichsten repräsentiert, ist Hugo Hernández, den die Stimme des Erzählers (Pablo) als den "zu spät Gekommenen" klassifiziert. Damit findet eine der zahlreichen Bezugnahmen auf die philosophische Ikonografie statt, die der Erzählung als Grundmaterial dient. Es ist Hegel, der die Philosophie als zu spät gekommen ansieht, im Sinne der Sache, die nach der Geschichte kommt. Deshalb beschreibt Hegel sie mit dem Bild des Vogels der Minerva, der Eule, die erst in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Ein Teil der Dynamik des Romans ergibt sich daraus, dass Hugo die gegenteilige Position vertritt. Er glaubt, dass die Philosophie vorher (vor der Geschichte) kommen muss, und dass sie gegen die ungerechte Zustände kämpfen soll, weil sie eine wirklichkeitsverändernde Kraft darstellt.

3.2. Der Endzweck der Philosophie

Das Leitmotiv der Diskussion ist der Satz von Marx aus der elften These über Feuerbach: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern".  Alle vier Freunde scheinen mit diesem Leitsatz einverstanden zu sein. Er war Teil des geistigen Klimas ihrer Generation. Jeder jedoch hat eine andere Auffassung davon, was er bedeutet. Pedro Bernstein beginnt die Darstellung seiner Ansicht damit, dass er sich ausdrücklich auf den Satz von Marx bezieht. Das Bild, das er zeichnet, ist das des jungen Marx, der im Frühjahr 1845 im Exil in Brüssel lebt, es ist ein humanistischer Marx, den die späteren orthodoxen Marxisten versuchen werden zu vergessen. Pedro meint, dass der Satz bedeutet, dass die Philosophie in den Krieg ziehen muss.  Als zweites spricht Ismael Navarro, den der Erzähler nur wenig schätzt. Ismael wird von Pablo für viel oberflächlicher gehalten als Pedro. Er ist auch lebenslustiger und sinnenfroh. Ismael hängt den Ideen von Merleau-Ponty und seiner Phänomenologie der Wahrnehmung an, die zu dieser Zeit ebenfalls modern war. Er betont ausdrücklich den Erkenntniswert des Körperlichen. Dies führt zur totalen Ablehnung durch den Protagonisten, der den Körper verachtet und sich in den Bereich des Geistigen flüchtet. Als ein Zeichen für die mangelnde Substanz Ismaels gilt, dass er sich selbst zitiert. Ismael schließt damit, dass die Philosophie immer subversiv ist und dass die Philosophen die Welt dadurch verändern, dass sie sie interpretieren. Seiner Meinung nach kann der Glaube an die Veränderung nicht Marx als Neuerung zugeschrieben werden, denn diesen Glauben gibt es schon seit Sokrates, der sterben musste, weil er seine Ideen verteidigte. [31]             

Pablo andererseits ist sich seiner Berufung zur Philosophie voll bewusst. Dies gilt zumindest für dieses schon ferne und noch zukunftsfrohe Jahr 1965. Er empfindet große Verehrung für Hegel. Für Pablo kommt Hegel das erste und letzte Wort in der Philosophie zu. Sein großes Lebensziel ist es ein Philosoph im Geiste Hegels zu werden und über die Themen zu schreiben, die Hegel nicht behandelt hatte.      

Und da Marx in Hegel enthalten ist, kann der Satz über den Endzweck der Geschichte nur von diesem letzteren herrühren. Er findet ihn im Vorwort zur Phänomenologie des Geistes: "Es kommt nach meiner Einsicht, welche sich nur durch die Darstellung des Systems selbst rechtfertigen muss, alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken." [32] Pablo wählt diesen Satz, weil er meint, dass Hegel, indem er das Denken mit der Geschichte verbindet und die Identität von Subjekt und Objekt postuliert, eine Rationalität in diese Geschichte legt. Er definiert damit die Möglichkeit der Existenz einer menschlichen Geschichte. Existentiell gesehen, findet Pablo in Hegel seine persönliche Rechtfertigung. Beim deutschen Philosophen findet er eine immanente Ordnung der Geschichte, eine Welt, die in ihrer Totalität durch die Vernunft organisiert ist. Das heißt, eine handhabbare Welt, eine Geschichte, die man verstehen und beherrschen kann.

Am Ende des "philosophischen Banketts", das an der Küste bei Buenos Aires unter einem "kantianischen Sternenhimmel" [33] stattfindet (nachdem die Jugendlichen einen klassischen "asado" verzehrt haben) [34] , ergeht das Wort endlich an den "zu spät Gekommenen", der noch einen "unerwarteten Gast" in die Runde einführt (weshalb er am Ende spricht). Hugo, der "zu spät Gekommene", bricht nicht nur mit Hegel, sondern auch mit Marx. Er ist der Fürsprecher einer neuen Perspektive aus dem Abseits, einer Haltung, die sich an die Peripherie der Philosophie stellt. Was folgt, ist die Darlegung seines "lateinamerikanischen Theorems". Auch die Form, die er für die Darstellung seiner Ideen wählt, ist ungewöhnlich, sie besteht aus einem fiktionaler Rekurs. Hugo erzählt zwei Geschichten, in denen sich das Anektotische und das Fiktionale vermischen. Die erste ist eine persönliche Erfahrung, nämlich seine Begegnung in Córdoba mit dem Ideologen und Kämpfer für die lateinamerikanische nationale Revolution, John William Cooke. [35]   Dieses Treffen lässt in Hugo einen Gedanken reif werden: die Revolution, die er wie viele Junge seiner Generation anstreben, muss den Stand des Bewusstseins der Massen berücksichtigen (eine Idee, die von Marx stammt).  Das bedeutet in Argentinien, dass sich der revolutionäre Kampf mit einem revolutionären Peronismus so wie ihn Cooke vorschlägt,  identifizieren muss.  Die Philosophie bekommt daher für Hugo ein stark politisches Gesicht. So wird die Politik zum "unerwarteten Gast" des Abends.

Hugos zweite Überlegung erfolgt über eine Fabel, die eine bestimmte Interpretation des historischen Geschehens enthält. Hugo erzählt von einem phantasierten Zusammentreffen zwisachen Marx und Felipe Varela, einem argentinischen Caudillo des 19. Jahrhunderts auf der Seite der Föderalisten, einem Vertreter der Provinzen also. Zur Zeit der Erzählung befindet sich Varela im Kampf mit den Unitariern, die die Interessen von Buenos Aires verteidigen. Marx offeriert Varela seine Sichtweise der Geschichte. Obwohl er die Schlacht gegen die Streitmacht der Unitarier verlieren wird, so Marx, ist aufgrund der Dialektik der Triumph des Proletariats unvermeidbar. Varela hört ihm zu, kann jedoch seine Argumente wegen der umittelbaren Brisanz, die die Geschichte für ihn besitzt, nicht akzeptieren. "Wenn Sie mir nicht sagen können, wann, dann heißt das für mich nie. Meine Aufgabe ist der Kampf jetzt." [36]   Der Caudillo der Föderalisten lebt ganz in seiner Gegenwart, in der es eine Auseinandersetzung zwischen denjenigen gibt, die ein System errichten wollen, das vom Zentrum Buenos Aires aus gesteuert wird, und denen, die eine bundesstaatliche Konzeption verfolgen. Die Idee, die der Erzählung Hugos zugrunde liegt ist, kurz gesagt, dass die europäische Philosphie den Ländern der Peripherie keine Lösungen für ihre konkrete Situation bieten kann. Doch damit nicht genug, sie zwingt mit ihrem Ideensystem den peripheren Ländern auch ein Verhältnis der Subalternität im Weltsystem der hegemonialen Mächte auf. Der Satz vom Endzweck der Philosophie darf daher für Hugo nicht von einem Kontext ausgehen, der der Realität, um die es geht, fremd ist. Er selbst zieht einen Ausspruch von John William Cooke vor: "Warum Peronismus? Weil er für das Bürgertum die verfluchte Sache ist, Kleiner!" [37]   Mit  "verfluchte Sache" ist das gemeint, was durch die hegemoniale Macht nicht vereinnahmt werden kann. Die Philosophie ist für Hugo dann subversiv, wenn sie nach dem sucht, was nicht vom System absorbiert worden ist, und von diesem Ort aus die Veränderung plant. Hugo kritisiert an Hegel, dass in seiner Philosophie für Lateinamerika kein Platz geblieben ist. Er ist der Meinung, dass das Denken Hegels den Kulminationspunkt und höchsten Ausdruck der europäischen Philosophie darstellt und dass dieses System nur die eigenen Interessen rechtfertigen soll. Laut Hugo legt Hegels Konzeption die Basis für die Ausweitung der europäischen Macht über den Rest der Welt. Es gibt keinen Ort, um von Hegel ausgehend zu philosophieren, so wie Pablo es vorhat. Der einzige Weg,  für sich einen Platz in diesem Projekt zu finden, besteht darin, die Rolle des Kolonisierten zu übernehmen. Dasselbe gilt auch für die Dialektik von Marx: wenn die europäischen Kategorien nicht dafür genutzt werden können, um die lateinamerikanische Wirklichkeit zu interpretieren (wie es die Anektote mit Felipe Varela nahelegt), dann sind sie auch nicht dazu dienlich, diese zu verändern. Indem er eine Gegenposition zu Marx und Hegel einnimmt, hat Hugo einen "anderen ontologischen Ort" gewählt. Dieser Ort ist der des "lateinamerikanischen Seins",  womit keineswegs irgendeine Art von telurischem Essentialismus gemeint ist, sondern die Wahl eines der Situation entsprechenden Standpunkts. Oder, noch besser gesagt, die eines Orts, von dem aus die philosophische Reflexion den eigenen Kontext berücksichtigt. Das ist auch die Haltung Feinmanns, insbesondere in Philosophie und Nation, wo sie in nahezu denselben Worten wie im Roman erscheint. Eben diese Ideen kann man verstreut auch in seinen anderen Essays, z.B. in "Raum und Zeit und die nationale Philosophie" [38] finden, wo es heißt:

Für uns stellt in der Tat die Dekolonisierung der Peripherie und der Eintritt der neuen Länder in die Geschichte einen Anfangserfolg dar, der  neue Konzepte erfordert, die gerade im Zuge der Entwicklung dieser Länder entstehen werden. Wir denken von einer anderen ontologischen Perspektive aus als es diejenige war, aus der heraus der Marxismus und seine Grundlagen entstanden. [39]             

Was nicht heißt, dass man diesen ablehnen soll. Feinmann befindet sich in einem permanenten Dialog mit Marx, Hegel und dem ganzen weiten Spektrum der europäischen Philosophie. Es handelt sich dabei jedoch um einen Dialog, der seinen Aussageort kennt und von ihm auch ausgeht.

3.3. Was hat Hegel, das ich nicht habe?  

Eine der Absichten, die der Autor mit dem Werk verfolgt, wird von ihm in einem Interview genannt. Dort sagt er, sein Projekt habe darin bestanden, "die 60er Jahre von ihren Ideen her zu erzählen" [40]   Es ging darum, über eine Generation zu erzählen, die an die Utopien als Motor der Geschichte glaubte, weil sie meinte, der Geschichte wohne eine Rationalität inne, eine Überzeugung, die scheinbar erst in den Neunzigerjahren aktuell wird. Es geht um eine hegelianische Konzeption der Geschichte, weshalb die Frage der "Vernunft" einen zentralen semantischen Kern bildet, auf dem die ganze Erzählung aufbaut. Diese erscheint ebenso im Titel wie im Vorwort. Angespielt wird natürlich auf einen Satz aus einem Text von Hegel, den wir im Folgenden ungekürzt wiedergeben, weil in ihm viele der Themen anklingen, die später im Werk Feinmanns Behandlung finden:

Das besondere Interesse der Leidenschaft ist also unzertrennlich von der Betätigung des Allgemeinen; denn es ist aus dem Besonderen und Bestimmten und aus dessen Negation, dass das Allgemeine resultiert. Es ist das Besondere, das sich aneinander abkämpft und wovon ein Teil zugrunde gerichtet wird. Nicht die allgemeine Idee ist es, welche sich in Gegensatz und Kampf, welche sich in Gefahr begibt; sie hält sich unangegriffen und unbeschädigt im Hintergrund. Das ist die List der Vernunft zu nennen, dass sie die Leidenschaften für sich wirken lässt (…) Das Partikuläre ist meistens zu gering gegen das Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben. Die Idee bezahlt den Tribut des Daseins und der Vergänglichkeit nicht aus sich, sondern aus den Leidenschaften der Individuen. [41]       

Dieser Text des europäischen Philosophen, der in der vollendetsten Weise die Konzeption einer universalen Philosophie verwirklichte, scheitn zunächst zu rechtfertigen, dass die Individuen im Kampf für eine Idee geopfert werden. Diese Frage hat ernste politische Konnotationen im Zusammenhang mit der argentinischen Geschichte. Feinmann arbeitet in seinem Werk die Idee heraus, das die Generation Pablos zu einer "kastrierten" Generation wurde. Das reflektiert sich in der Situation des Protagonisten, der Krebs hat und einen seiner Hoden verliert. Der Fortgang der Geschichte, so scheint der Text von Hegel zu sagen, muss notwendigerweise Leben und Individuen opfern, die das Partikuläre, die Leidenschaft darstellen. Das ist die "List der Vernunft", die unbeschädigt bleibt, während die Individuen sterben. Der Vernunft müssen Opfer gebracht werden, eine Annahme, der auch noch einem anderen berühmten Satz zugrunde liegt: "der Zweck heiligt die Mittel". Gegen ihn wird Feinmann später Das vergossene Blut  und Fragen an Che Guevara schreiben.    

Hegels Text weist darüber hinaus eine Reihe von Symmetrien und binären Gegensätzen auf. Einerseits stellt er dem Allgemeinen das Individuum gegenüber. So entsteht eine Polarität, die nur durch die Annullierung eines dieser beiden Begriffe überwunden werden kann, denn aus der "Negation" des Partikulären ergibt sich ja das Allgemeine. Indem beide als antagonistische Gegensätze aufgefasst werden, wird jede Möglichkeit ihrer Verbindung außer Acht gelassen. Das Partikuläre wird letztlich zerstört. Eine andere Polarität ist die zwischen Idee und Leidenschaft, wobei die erste durch die zweite existiert. Dieses binäre Schema stellt das Skelett des Romans dar, das auch durch die Person Pablo Epstein verkörpert wird. Die Krise, in der sich der Protagonist befindet, entsteht daraus, dass eine seiner größten Gewissheiten erschüttert wird, dass nämlich die Geschichte eine "rationale Linealität" besitze. Pablo hat sich in das Reich der Spiritualität und der Vernunft geflüchtet, um dem Zufall, der blinden Welt der Natur, der Korruption und des Todes zu entkommen. Seine Entscheidungen waren ständig in diesem Sinn orientiert, was man klar vor allem an seinen philosophischen Studien und an seiner Leidenschaft für Hegel sieht. Diese Tendenz stammt aus einem Urtrauma, daher die Bedeutung des psychoanalytischen Diskurses im Buch. Dieses Trauma entsteht in Pablos Kindheit und hat mit der ungeklärten Beziehung zu seinem Vater zu tun. Durch die Therapie wird es ihm möglich zu erkennen, dass er sich durch seine Angst vor dem Tod in verschiedenen Bereichen nicht entwickeln konnte. Er selbst interpretiert sein Leben als einen Versuch all dem zu entkommen, was Desintegration und Unsicherheit erzeugt. Er beschreibt daher seine Erfahrungen  mit etwas, was er sein "Interpretationsschema" nennt. Dieses besteht, einmal mehr, aus einem System antagonistischer Gegensätze. Pablo stellt nämlich zwei Sphären einander gegenüber, den "gefliesten Innenhof" und den "naturbelassenen Innenhof". Der erste zeichnet sich durch das Streben nach Ordnung, nach Vernunft, nach guten Manieren aus. Im zweiten dagegen herrschen Chaos, Unordnung, Gewalt und Irrationalität. Ausgehend von diesem Schema erfolgt eine Reihe von Deutungen. Es dient einerseits dazu, die argentinische Geschichte nach der wohlbekannten Formel von Sarmiento in Zivilisation und Barbarei zu unterteilen. [42]   Aber auch die Stellung Argentiniens als eines gegenüber Europa peripheren Landes und seine kulturelle Abhängigkeit aufgrund der unkritischen Übernahme der europäischen Philosophie können damit  verstanden werden. Die Vernunft und die Welt des Geistigen befinden sich in Europa, wie Hegel meinte. Amerika gilt als die Welt der Natur und daher der Barbarei. Mit solchen Überlegungen wird die argentinische Situation vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart als Geschichte von Gegensätzen unter die Lupe genommen. Im 19. Jahrhundert standen die Unitarier gegen die Föderalisten, im 20. Jahrhundert die Anhänger Perons gegen ihre Feinde. Diese nicht aufgehobenen Antagonismen führten zu einer Gewalt, die sich nicht einfach durch "das Barbarische" erklären lässt, sondern für die andere Gründe gefunden werden können. Aus der Analyse der Herrschaft der Militärs in Argentinien ergibt sich der Schluss, dass jedes totalitäre System diese Dichotomien verwendet, um die Zerstörung des anderen zu rechtfertigen. Pablo ist in jeder Hinsicht ein "Deplatzierter". Diese räumliche Metapher ist nicht zufällig. Sie bildet einen Teil des Bedeutungsnetzes, das die Erzählung durchzieht. Pablo hat es abgelehnt im  "naturbelassenen Innenhof" zu leben und sich in eine Welt des Geistes geflüchtet. Deswegen ist er nicht über das dichotome System hinausgelangt. Dadurch, dass er sich auf diese eine Seite des Begriffsschemas stellt, stimmt er seiner eigenen Zerstörung zu. Er hat in der Geschichte keinen Platz gefunden, denn er lebt in einem Land, das ihn hinausdrängt, so wie viele, die ins Exil gehen mussten. Pablo lebt in einer Art von innerem Exil, weil er aus Gesundheitsgründen (seinem Hodenkrebs) das Land nicht verlassen kann. Aber er befindet sich auch so im Exil. Pablo weiß, dass ihn eine Art des Todes ereilen wird, entweder die innere (der Krebs) oder die äußere (die Diktatur). Auch ideologisch oder theoretisch hat er seinen Ort noch nicht gefunden, da, wie wir gesehen haben, Hegel, der Philosoph des preußischen Staates, ihm keinen Raum dafür gelassen hat, vom realen Amerika aus zu philosophieren. Aus diesem Grund identifiziert er sich eher mit dem Schicksal Walter Benjamins, einem Philosophen, dem weniger Erfolg als Hegel beschieden war, und der an der spanischen Grenze auf der Flucht vor den Nazis stirbt. Pablo verlässt das Paradies der Kindheit, sobald er merkt, dass es den Tod gibt und sobald er beginnt, Angst vor dem Tod seines Vaters zu haben. Drei Ebenen bilden das Gerüst des Romans: Die Geschichte der Person, die in der psychonanalytischen Sitzung erklärt wird. Die Geschichte des Landes, die in den erzählten Fabeln und durch den Peronismus vorkommt. Und schließlich die Philosophie, die in den Diskussionen der vier Freunde erscheint. Alle drei schaffen gemeinsam ein Deutungsmuster, das schon eine Form von Kritik darstellt. Diese Kritik wird angesichts der Herausforderungen der Gegenwart unvermeidlich.       

4. Über die Fiktion und ihre ménage a trois

Der Roman Feinmanns stellt in der Form der langen Wiedergabe des neurotischen Bewusstseins Pablo Epsteins drei Diskurse gegeneinander. Diese können im Prinzip als differenziert betrachtet werden. Auf der Ebene der psychoanalytischen Therapie ist von einem Land die Rede, das nicht erwachsen werden will. Daher lässt es sich von einem autoritären Vater, dem Militärregime, beherrschen, das die patriotische Aufgabe, den kranken Gesellschaftskörper zu "heilen", übernimmt.  Die Krebserkrankung stellt die Metapher dar, die den realen Diskurs paraphrasiert. Die argentinische Diktatur von 1976-1983 benutzte dieses Bild für ihre Sicht der Wirklichkeit des Landes, um sich auf diese Weise eine Rechtfertigung für ihr gewalttätiges Handeln zu verschaffen. Ihr zufolge war die Subversion der "Krebs", an dem die argentinische Gesellschaft litt und der ausgemerzt werden musste. Im Roman läuft das darauf hinaus, dass Pablo kastriert wird und nun als "Beschnittener" hilflos der Agression des Regimes gegenüber steht.

Was die Ebene der argentinischen Geschichte betrifft, so wird die Spaltung der Gesellschaft zur Zeit, in der die Erzählung spielt, analysiert, durch die die Gewalt entsteht. Es erfolgt eine Revision dieser Geschichte, um den Bedeutungskern zu finden, der hinter den verschiedenen Versionen der Geschichtsschreibung steht. Im Grunde ist vom Antagonismus Zivilisation-Barbarei die Rede, der sich in verschiedenen Phasen dieser Geschichte als das große Mittel des Ausschlusses erwiesen hat. Er diente schon im 19. Jahrhundert als Rechtfertigung für die Ausrottung der indigenen Bevölkerung. Er wurde bei verschiedenen Anlässen im 20. Jahrhundert zum Zweck der politischen Verfolgung verwendet, und zwar immer dann, wenn sich irgendeine Bewegung der  Macht der Herrschenden entgegenstellte. Vor allem aber versteckt sich hinter ihm die  Weigerung, die Mehrheit der Bevölkerung an der Demokratie teilhaben zu lassen. Beim Peronismus geht es genau um dieses Thema, Feinmann versucht an ihm das zu retten, was an ihm "unintegrierbar" ist. Er fordert einen revolutionären Peronismus, wie seine wohlwollende Erinnerung der Figur des John William Cooke zeigt. Davon in den 90er Jahren zu sprechen, zu einer Zeit, wo genau die gegenteiligen Werte vorzuherrschen scheinen, ist ungewöhnlich. Die Fiktion erfüllt in diesem Bereich der Erzählung die Funktion, die Erinnerung wachzuhalten. Konkret diejenige an eine etwas unkonventionelle Hauptfigur des Peronismus, die durch die politische Hagiographie gerne beiseite geschoben wird. [43]       

Durch den philosophischen Diskurs wird drittens versucht, den Glauben an die Einheit der Philosophie in Zweifel zu ziehen. Seine Haltung durch den Ort und die Situation, von denen aus man spricht, bestimmen zu lassen, eröffnet eine alternative Perspektive, die nie dazu tendiert, den schon beschrittenen Weg zu negieren. Diese fordert die Existenz eines "anderen ontologischen Raums" ein, etwas, das vom interkulturellen Dialog berücksichtigt werden muss. Dies kann nicht oft genug gesagt werden, vor allem, weil es im gegenwärtigen globalen Spektrum leicht ist, die Perspektive der Vielfalt zu verlieren. Das Reden von einer Lateinamerikanischen Philosophie dient dazu, einmal mehr infrage zu stellen, dass dieses Terrain vom Zentrum des Denkens beansprucht wird. Der unterschwellige Eurozentrismus, der sich daraus ergibt, dass man die Philosophie als Einheit sehen will, schafft immer wieder verschiedene Arten von Ausschlüssen. Er verweist all jenes an den Rand, das nicht in sein Kategoriensystem passt. Der Roman kritisiert scharf die Selbstüberschätzung einer Vernunft, die sich den Bedürfnissen des Zentrums entsprechend verhält und die Realität ihrem selbstherrlichen und selbstregulativen System gemäß einteilt. Bei all diesen Themen ist die andere Eigenschaft der Fiktion, die Kritik, am Werk, und agiert als Widerstand gegen jedes repressive System.

Die drei eben beschriebenen Ebenen sind nicht unter sich getrennt, sondern verbinden sich zu einem Gerüst, das durch das Romanhafte gebildet wird, das Feinmann für das Wesentliche an der Fiktion hält. Es ist die Geschichte von Pablo Epstein, einem Menschen mit all seinen persönlichen Eigenschaften, seinen traumatischen Erlebnissen, seinen Fehlern, aber auch seinem Recht darauf, sich so, wie es ihm passt, auszudrücken und ohne Zwänge und Repression zu leben. Für seine geistige Erkrankung besteht die konkrete Möglichkeit eines Heilversuchs: die psychoanalytische Therapie. Zwischen den Zeilen stellt der Text die Heilkraft der Therapie freilich etwas in Frage, wenn der Psychoanalytiker Norman Backhauss dem Klienten empfiehlt, er solle zu schreiben beginnen, um die erwähnte "Zerrüttung des Bewusstseins" zu überwinden. Durch die Therapie fängt der Protagonist an, sich eine Erzählung zu schaffen, was bedeutet, nach einem Sinn zu suchen. Die Version seiner Geschichte, die letztlich entsteht, ist nur scheinbar chaotisch, vielmehr ist klar, dass die Therapie doch ein Ergebnis erbracht hat. Im Text eröffnet sich damit eine Dimension, die wir als eine dritte Funktion der Fiktion betrachten können und die wir als die utopische bezeichnen wollen. Diese Funktion verweist auf die Zukunft so wie die Erinnerung auf die Vergangenheit und die Kritik auf die Gegenwart. Die utopische Funktion bezeichnet die Möglichkeit alternativer Horizonte, die jede Erzählung in sich trägt. Sie arbeitet mit der kritischen Funktion zusammen, die die bestehende Ordnung angreift. Die Utopie führt ein "nirgendwo" in das soziale Handeln und die symbolische Aktion ein. Durch sie wird es möglich, sich in einer bestimmten Krisensituation einen Ausweg vorzustellen. Für sich genommen, hat sie einen performativen Wert. Jede Erzählung gehört zur symbolischen Vorstellungswelt einer Gruppe. Indem es kritisch ist und eine bestimmte Wirklichkeit in Hinblick auf ein Projekt interpretiert, hilft das Fiktionale nicht nur mit, neue Perspektiven für das Verständnis des Sozialen zu entwickeln, sondern schafft auch neue politische Identitäten. [44]  

Der Diskurs, mit dem uns das Werk des José Pablo Feinmann konfrontiert, ist ein Beispiel für Hybridität. Es benutzt Reflexionen aus verschiedenen Bereichen und baut aus ihnen einen neuen Text, der die Grenzen zwischen diesen Bereichen aufhebt. In ihm fließen die Geschichte und die Philosophie, das Kino, die Psychoanalyse, die Musik  und die Literatur zusammen. Sie alle dienen nicht nur dazu, etwas Neues zu formen. Der Autor arbeitet mit diesem Material auch daran, den im Zentrum entstandenen Diskurs zu dekonstruieren. Von der Handlung des Romans ausgehend, stellt er sich bewusst "an den Rand".  Was die Geschichte betrifft, deswegen, weil seine Sichtweise der argentinischen Geschichte der offiziellen Geschichtsscheibung liberalen Zuschnitts widerspricht. In Hinblick auf den Peronismus, weil er der Person Cooke, die vom offiziellen Teil dieser Bewegung abgelehnt wird, mehr Bedeutung verleihen will. Mit seiner Option für die Lateinamerikanische Philosophie stellt er sich bewusst an den Rand der Philosophie. Letztlich gibt ihm auch die Entscheidung, alle diese Fragen im Bereich der Fiktion zu erörtern, eine große Bewegungsfreiheit und ermöglicht eine größere "Frechheit" als in den Essays. Dazu kommt der radikale Entschluss, das Feld der Vernunft zu verlassen und sich in die  "Verrücktheit" seiner Hauptperson zu versetzen.

Was Feinmann mit Die List der Vernunft vollbringt, ist eine Übersetzung: er überträgt die Inhalte seiner theoretischen Arbeiten in eine Sprache, die mehr aus Exkursen, Grenzüberschreitungen und aus Mimikry im Sinne Lacans als aus einer lineraren Bewegung besteht. Übersetzen heißt nichts anderes als Interpretieren. So sagt im Roman John William Cooke zu Hugo: "Schau, Kleiner, ein Revolutionär ist nichts anderes als ein guter Übersetzer.  Einer, der die Zeichen der Zeit in die Sprache der Politik und der Praxis übersetzt." [45] Die Interpretation der Geschichte und der Gegenwart, die Feinmann anbietet, besitzt, dank der Grenzüberschreitung, die die fiktionale Form ermöglicht, die Fähigkeit, alle diese Bedeutungsfelder zu erschließen. Und damit ist ihm eine der vollendetsten Formen der Utopie gelungen, die sich ein Schriftsteller nur wünschen kann.


5. Werke des Autors

Essays

El peronismo y la primacía de la política (1974)

Filosofía y nación: estudios sobre el pensamiento argentino (1982)

Estudios sobre el Peronismo: historia, método, proyecto (1983)

El mito del eterno fracaso (1985)

La creación de lo posible (1986)

López Rega, la cara oscura de Perón (1987)

Ignotos y famosos: política, posmodernidad y farándula en la nueva Argentina (1994)

La sangre derramada (1999)

Pasiones de celuloide (2000)

Romane

Últimos días de la víctima (1979)

Ni el tiro del final (1981)

El ejército de ceniza (1986)

La astucia de la razón (1990)

El cadáver imposible (1992)

Los crímenes de Van Gogh (1994)

El mandato (2000)

Theaterstücke

Cuestiones con Ernesto Che Guevara (1999)

Kinoführer

Últimos días de la víctima (de Adolfo Aristarain)

En retirada (Juan Carlos Desanzo)

Tango Bar (de Marcos Zurinaga)

Play murder for me (de Héctor Olivera)

Cuerpos perdidos (de Eduardo De Gregorio)

Eva Perón (de Juan Carlos Desanzo)

El amor y el espanto (de Juan Carlos Desanzo)



[1] José Pablo Feinmann, Das vergossene Blut. Essay über  politische Gewalt. Bs.As.:Espasa/Calpe/Ariel,

1998.163. Kursiv im Original.

[2] Feinmann sah sich bis zum Beginn der 80er Jahre als Anhänger des Peronismus. Vgl. José Pablo Feinmann, <<Die Wahlen vom 20 Juni 1973>> in Der Mythos vom ewigen Scheitern, Bs.As.: Legasa, 1985, 195. Laut eigenen Erklärungen in einem Interview mit Daniel Link ("Cosas de hombres", Pagina 12, Sonntag, 7.Mai 2000)  distanzierte er sich später, 1985, von der sogenannten Gerechtigkeitspartei.  

[3] Auf Spanisch: Ultimas días de la víctima (Anm. des Übersetzers).

[4] Auf Spanisch: Ni el tiro del final

[5] Auf Spanisch: El cadáver imposible             

[6] Auf Spanisch: Los crímenes de Van Gogh

[7] Auf Spanisch: El ejército de ceniza.

[8] Auf Spanisch: El mandato.

[9] La astucia de la razón.

[10] Alfonso de Toro/Fernando de Toro (Hrsg.), El debate de la postcolonialidad en Latinoamérica: una postmodernidad periférica o cambio de paradigma en el pensamiento latinoamericano. Frankfurt am Main:Vervuert, Madrid: Iberoamericana, 1999.

[11] Alfonso de Toro, Lateinamerika und die Vielfalt der Diskurse. In: Polylog. Nr. 2, 1998, S.126-28.

[12] José Pablo Feinmann, Filosofía y Nación, Bs.As./Madrid/México: Legasa, 1982, 11.

[13] Op.cit.,14.

[14] Op.cit., 43.

[15] Op. cit., 75.

[16] Op.cit.,74.

[17] Op.cit, 83.

[18] Der Autor komprimiert dies auf Seite 102 von Das vergossene Blut mit den folgenden Worten: "Die einfache und fürchterliche Wahrheit lautet: dass es zu solchen Auswüchsen des Schreckens kommen konnte, stellt die Identität unseres Landes in Frage. Wir waren nicht, was wir zu sein glaubten. Und wir werden es niemals wieder sein.".  Diese Aussage knüpft ausdrücklich an die Interpretation an, die der Philosoph Theodor Adorno von der deutschen Geschichte des Zweiten Weltkriegs gibt, worüber Feinmann auch einige Artikel geschrieben hat, in denen er sich am Kontrapunkt der nationalen und internationalen Wirklichkeit sieht. Vgl.: Adorno y la ESMA, Pagina 12, 30/12/2000, 13/01/2001, www.pagina12.com.ar.

[19] José Pablo Feinmann, La sangre derramada, 244. Kursiv im Original.

[20] Feinmann zitiert diese Stelle auf S.14 von Das vergossene Blut, sie stammt aus der Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Bs.As.: Ediciones Nuevas, 1965, 15.

[21] Op.cit., 193. Vom Autor unterstrichen.

[22] José Pablo Feinmann, Ignotos y famosos.Política, posmodernidad  y farándula en la nueva Argentina, Bs.As.: Planeta, 1994, 219.

[23] Op.cit., 218.

[24] José Pablo Feinmann, Der Mythos des ewigen Scheiterns, Bs.As: Legasa, 1984, 19-27.

[25] Op.cit.,22.

[26] Op.cit.,21. Unterstrichen im Original.

[27] Josè Pablo Feinmann, Philosophie und Nation, 10.

[28] Josè Pablo Feinmann, Die List der Vernunft, Bs.As.: Alfaguara, 1990.

[29] Sergio Ranieri, José Pablo Feinmann schreibt seinen fünften Roman. La Maga, Notiz vom 3. -10.1991, www.lamaga.com.ar

[30] Op.cit., 1.

[31] In Wirklichkeit könnte der Satz, den Ismael von sich gibt, gut auch Feinmann selbst zugeschrieben werden, wie man an der Wahl seiner Worte merkt: "Die Philosophie ist die Praxis der Erkenntnis des Wirklichen, was notwendigerweise die Praxis ihrer Transformation bedeutet. Die Philosophie ist die das Akzeptieren des Risikos, dass das Wirkliche durch das Bewusstsein umgekehrt wird. Zusammengefasst gesagt, meine Herren, die Philosophie ist das riskante Abenteuer die Wirklichkeit zu transformieren, und dies nicht nur mit den Ideen, sondern auch mit dem Körper>>. Die List der Vernunft,83.

[32] Vgl. Die List der Vernunft, 108. Anmerkung des Übersetzers: Die Stelle findet sich in G.W.F.Hegel,  Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp. Frankfurt am Mai                n 1993, S. 22f.

[33] Feinmann bezieht sich im Roman auf einen Satz von Kant aus der Kritik der praktischen Vernunft, wo Kant die zwei Dinge erwähnt, die seine Bewunderung und seine Achtung erregen: <<Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir>>.

[34] Anmerkung des Übersetzers: "asado" (Rindsbraten) kann als argentinische Nationalspeise bezeichnet werden.

[35] Cooke war einer der wesentlichen Ideologen eines revolutionären Peronismus. Er wurde 1946 zum peronistischen Abgeordneten gewählt. Nach dem Fall Peróns war er bis 1959 der Führer des peronistischen Widerstands. Dann musste er ins Exil nach Kuba gehen, wo er sich für die marxistischen Ideen Che Guevaras begeisterte. Mit Perón hielt er brieflich regen Kontakt bis sie sich schließlich ideologisch von einander entfernten. Cooke versuchte den Peronsimus mit den Ideen Che Guevaras zu verbinden, vor allem, was den Gedanken des <<revolutionären Fokus>> betrifft. Sein Einfluss machte sich am meisten im ideologischen Bereich bemerkbar, weil er zur Annäherung der Mittelschicht an den Peronismus beitrug. Vgl. Richard Gillespie, J.W.Cooke.El Peronismo alternativo. Bs.As., Cántaro Editores, 1989. 

[36] José Pablo Feinmann, Die List der Vernunft, 242.

[37] Op.cit., 164.

[38] José Pablo Feinmann, Der Mythos vom ewigen Scheitern. Bs.As.: Legasa 1984, 73-83.

[39] Op.cit., 76.

[40] Adrián Ferrero, Estamos tramados por las tramas, www.diagonautas.com.ar.

[41] Die Stelle stammt aus G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Werke 12. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S.49.   

[42] Um diese Thematik zu illustrieren, wird sogar das klassische Werk El matadero (1838) von Esteban Echeverría erwähnt.

[43] Wie Gillespie in der von ihm geschriebenen Biografie vermutet, wenn er sagt, es sei "politisch inkorrekt, Cooke wieder ins Gedächtnis zu bringen." Richard Gillespie, op.cit., 15.

[44] Was eine Definition der "utopischen Funktion" betrifft, vgl. Estela Fernández, <<Die Problematik der Utopie aus lateinamerikanischer Perspektive>>. Roig (Hrsg.), Proceso zivilisatorio y proyecto utópico en nuestra América. San José 1995, 27-47.  

[45] José Pablo Feinmann, Die List der Vernunft, 164.